Glockenspiel
OS ERN z w e i t a u s e n d z w a n z i g Am E n d e s i e g t d a s L e b e n . Die Finsterni s aushalten und auf das Licht ver trauen – überschat tet von der Corona-Pandemie wi rd neu fassbar, was Chri stinnen und Chri sten mit ihrem zentralen Glaubens- fest verbinden . Von Ekkehard Rüger . Vielleicht hat das Osterfest noch nie so nackt vor uns gestanden. Beraubt aller ver- trauten Begleitumstände, die mal mehr, mal weniger religiös grundiert sind. Die Fa- miliengottesdienste, das Eiersuchen in gro- ßer Runde, die Enkelkinder auf dem Schoß der Großeltern, die Osterfreude inmitten des aufblühenden Lebens einer sonnigen Frühlingslandschaft – alles geschluckt, in Grau getüncht vom Schrecken vor einem unsichtbaren Virus. Aber womöglich ist Ostern, so karg, wie es uns jetzt erscheint, gerade deshalb leichter zu verstehen als je zuvor. Denn in Wahrheit ist es ja ein sperriges Fest. Der christliche Glaube macht es nicht nur Glaubensfernen, sondern auch seinen Anhängern ausgerechnet dort, wo es um seinen Kern geht, wirklich schwer. Da soll man zunächst auf einen schrecklichen Tod am Kreuz blicken und zu allem Überfluss das zentrale Folterinstrument der Römer noch als wichtigstes Symbol dieser Religion akzeptieren. Und schon drei Tage später löst die Überlieferung das Geschehen in den kaum fassbaren Berichten von Jesu Auf- erstehung auf. Eine doppelte Zumutung – ja, das ist Ostern wohl in erster Linie. Es mutet uns viel zu, vor allem viel Mut. Die Verlockung liegt so nahe, den düsteren Karfreitag einfach zu überspringen. Vielen ist er ohnehin fremd, die staatlich verordne- te Stille ruft Jahr für Jahr Widerspruch her- vor und will so gar nicht passen zu den auf- keimenden Frühlingsgefühlen. Womöglich ist das in diesem Jahr anders. Denn für die- ses Land und diese vom Coronavirus geplagte Welt ist schon seit Mo- naten Karfreitag. Beim Tod Jesu am Kreuz geht es ja nicht einfach um die kultische Über- höhung eines einzel- nen Sterbens vor 2000 Jahren. Mit diesem Menschen, in demChristinnen und Christen in besonderer Weise all das aufscheinen se- hen, was Gott für ein gelingendes Leben auf Erden wünscht, leidet und ächzt die gesam- te Schöpfung am Kreuz. Und die Christen versuchen den Blick darauf auszuhalten. Wenn es heißt, dass Jesus „für uns“ gestor- ben ist, dann ist eine der möglichenÜberset- zungen dafür diese: Gott ist da, wo die Not und das Leid am größten sind. Gerade da. Er ist da, wo die Schwachheit zuHause ist, auch unsere Schwachheit. Und die Angst, auch unsere Angst. Dieser Bogen ist schon in der Weihnachtsgeschichte angelegt und vollen- det sich in der Ostererzählung. Undweil sich in Jesus Gott selbst diesem Leiden aussetzt, sind auch alle, die Jesus nachfolgen wollen, aufgerufen, vor diesem Leiden nicht die Au- gen zu verschließen – selbst wenn sie dabei erst einmal nicht mehr zu bieten haben als ihre Hilflosigkeit, ihr Erschrecken und Ver- stummen. Das Kreuz fordert sie dazu auf im Vertrauen darauf, dass Gott gegenwärtig ist. Das ist seine erste Ermutigung. Denn Mut braucht es, um nicht wegzuse- hen. Die Bibel erzählt von einer Finsternis, die sich im ganzen Land ausbreitete. Und diese Finsternis greift auch seither wieder und wieder um sich. Sie herrschte vor dem Coronavirus, sie herrscht jetzt in besonde- rem Maße weltweit, und sie wird sich auch in der Zukunft wieder ausbreiten überall da, wo Unrecht herrscht, Menschen in Not sind und umLeib, Leben und Zukunft bangen. Ange- sichts all des herzzer- reißenden Leids und der Grausamkeit des Todes fordert in dieser Finsternis auch ein urmenschliches Bedürfnis seinen Raum: zu schweigen. Der Karfreitag, ein stiller Feier- tag, ist der religiöse Ausdruck dieses Be- dürfnisses. Und er steht gegen den billigen Trost. Denn es gibt eine Verzweiflung, die sich zu rascher Aufmunterung verweigert. Menschen, die umgeliebte Angehörige trauern, wissen das. Welches Wort wäre auch wirklich dazu an- getan, das Entsetzen zu lindern angesichts der Särge in Endlosreihen? Wer wollte all denjenigen, deren Existenz durch die Maß- nahmen gegen die Pandemie von einem auf den anderen Tag ins Wanken geriet, ein gedankenloses „Wird schon wieder“ ent- gegenhalten? Wie viel Zuspruch vertragen die zahllosen geplatz- ten Lebensentwürfe, die dramatischen Krankheitsverläufe und gescheiterten Rettungsversuche? Der Satz von Karfreitag ist nicht „Alles wird wieder gut“, sondern „Ich bin da“. Ich bin da, auch wenn die Not- und Todesfälle zahl- und namenlos werden, weil sie schier nicht mehr zu bewältigen sind. Ich bin da, auch wenn niemand anderes an deiner Seite steht, denn ich kenne dich. Auch dein Name steht im Himmel geschrieben. Diese Zusicherung Gottes ist allerdings immer wieder in Zwei- fel gezogen worden – am Kreuz auch von Jesus selbst. Zumindest die Evangelisten Matthäus und Markus erzählen von seinem Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Karfreitag, er ist daher auch der Tag der Glaubenszweifel und der Klage im Schatten des Schreckens. Und dochmag selbst in demKarfreitags-Ge- schehen schon ein Hauch von Trost liegen. Weil es uns aus demGefühl, nur wir würden leiden, befreit. So wie wir uns mit den bibli- schen Geschichten einbetten können in den Glaubensstrom vor uns, das Hoffen und die Gotteserfahrungen von Jahrtausenden, so macht auch das Drama der Gegenwart eben nur einen Teil der Abgründe aus, denen die Menschen von Anbeginn immer wieder aus- gesetzt sind. Nicht nur unsere Eltern und Großeltern können davon berichten. Auch die Bibel ist voll davon. Und ihre Erzählun- gen reichen drei Jahr- tausende zurück. Nackt und karg steht das Osterfest in die- sem Jahr vor uns. Und nackt und karg steht die Christenheit vor diesem Fest. Mit lee- ren Händen, der ein- geübten und Sicher- heit gebenden Rituale beraubt. Aber wo Vertrautes schwindet und damit zugleich die Selbstsicherheit, öffnet sich auch ein weiter Raum für Vertrauen auf Gott. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat diese Erfahrung in seinem Glaubens- bekenntnis von 1943 so beschrieben: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alleAngst vor der Zukunft überwun- den sein.“ Die leeren Hände, mit denen wir in diesen Tagen vor dem Osterfest stehen, sie schla- gen die Brücke zu der österlichen Hoff- nungserzählung von der Auferstehung – weil auch im Gedanken der Auferstehung der Verstand sich ganz auf den Glauben verlassen muss. Nirgendwo sonst ist der christliche Glaube so verletzlich, so angreif- bar, weil er sich auf einer Vernunftebene so schlecht verteidigen kann. Was taugt schon ein Geheimnis als Argument. Wenn es so einfach wäre mit der Auferste- hung, dann gäbe es das alles wahrscheinlich nicht: die ganzen theologischen Deutungs- versuche und heftigen Richtungsstreits, dazu noch den Gegenwind der Aufklärung und die gezielte Profanisierung des Oster- wunders mit Erklärungen wie der, Jesus sei nur scheintot gewesen. Der Osterglaube ist nicht nur ein Wunder, sondern in vieler- lei Hinsicht auch eine offene Wunde. Und in diese Wunde legen nicht nur Religionskriti- ker unserer Zeit ihren Finger. In dieseWun- de legte schon Thomas seinen Finger. Fortsetzung auf Seite 2 D i e Ve r l o c k u n g l i e g t s o n a h e , d e n d ü s t e r e n K a r f r e i t a g e i n f a c h z u ü b e r s p r i n g e n . D e r S a t z v o n K a r f r e i t a g i s t n i c h t „ A l l e s w i r d w i e d e r g u t “ , s o n d e r n „ I c h b i n d a “ .
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