Januar
Möchte wissen, wer solche Texte als Jahreslosung aussucht: In der Schwäche soll Kraft liegen? Die Alltagserfahrung lehrt uns was anderes. Das Gesetz des Stärkeren bestimmt unsere Welt. Wünschen wir uns für uns selbst nicht auch Stärke? Eine stabile Leistungsfähigkeit, eine robuste Gesundheit, eine starke Regierung, einen starken Euro und auch einen starken Gott? Wie sollen wir da eine Jahreslosung ernst nehmen, die die Schwäche ins Blickfeld rückt? – Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Schwachheit ist kein christliches Lebensideal, sondern eine Erfahrung, die früher oder später jeder mit sich selbst machen wird. Aber dann in der eigenen Schwäche keine Niederlage und in der Schwachheit anderer Menschen keinen Mangel zu erkennen, dafür schärft die Jahreslosung durchaus unsere Wahrnehmung. Eine andere Dimension unseres Lebens kommt in den Blick, die in der Welt der Starken und Erfolgreichen allzu leicht übersehen wird.
Wir kommen ja grad von Weihnachten. Haben gesungen: „dass dieses schwache Knäbelein, soll unser Freud und Wonne sein, dazu den Satan zwingen und endlich Frieden bringen“… Wir haben so unsere Schwierigkeiten mit dem schwachen Kind im Stall. – Und doch hat Gott mit ihm unser Leben und unsere ganze Welt verändert: Krippe und Kreuz, eigentlich Zeichen größter „Schwachheit“ sind uns nach Ostern zu Zeichen der Kraft Gottes geworden, der Kraft, die sogar den Tod besiegt. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Der Apostel Paulus hat diesen Satz aus eigener Lebenserfahrung aufgeschrieben. Er, der eigentlich stark sein wollte, war in einer „schwachen“ Stunde zur Erkenntnis Christi gelangt, damals als er vom Saulus zum Paulus wurde. Und als Paulus durfte er erleben, dass er mit den einfachen, „schwachen“ Mitteln, die er als durchschnittlicher Redner und ohne großes Auftreten hatte, Menschen dazu bewegen konnte, sich dem Glauben an Christus zuzuwenden. Ihm ist dieses Wort des Auferstandenen immer wieder großer Trost gewesen: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig “,wie der vollständige Text lautet.
Dieser Kraft dürfen wir auch im neuen Jahr ganz und gar vertrauen. Es gilt für unseren persönlichen Weg wie auch für das Leben unserer Gemeinden. Wenn es uns unter den Lasten des Alltags schwerfällt, auf die große Kraft Gottes zu vertrauen, dann erinnern wir uns, dass Gott selbst ein schwaches kleines Kind geworden ist, später ein Mann am Kreuz, - aber dennoch durch ihn alles auf den Kopf gestellt und neu gemacht hat. In diesem Sinne wünsche ich ihnen allen ein gutes und gesegnetes neues Jahr 2012
Es grüßt Sie alle freundlich, Ihr V. Germann